Ein hochriskanter Deal mit den Göttern: Um nach Trojanischem Krieg und lebensbedrohlichen Meeresstürmen endlich wieder in seine Heimat Kreta gelangen zu können, verspricht der König Idomeneo dem Meeresgott Neptun, das erste Lebewesen zu opfern, das ihm an Land begegnen werde. Das Schicksal schlägt unerbittlich zu: Idomeneo begegnet als erstes seinem Sohn Idamante! Was tun? Das eigene Fleisch und Blut opfern? Ist es vielleicht gar Sohnespflicht, sich dem zu fügen? In antiken Überlieferungen mündet der Konflikt stets in der Katastrophe: Der Sohn wird geopfert, doch Idomeneo muss die Insel verlassen, weil ihn die Kreter nicht mehr als Herrscher akzeptieren. Ganz anders bei Wolfgang Amadeus Mozart: Der Schmerz der Figuren über das Schicksal wendet den Mythos ins Humane. Idomeneo gibt seine Macht ab, der Sohn überlebt und wird zum König gekrönt. Eine neue Generation gewinnt die Auseinandersetzung mit den Göttern. Friede, Liebe und Humanität leuchten aufklärerisch auf. Für Mozart war die Münchner Uraufführung 1781 ein künstlerischer Befreiungsschlag. Der Theatermensch fand in der Auseinandersetzung mit der Tradition von Orchester und Szene im Cuvilliés-Theater seinen eigenen Zugang zur Gattung Oper. Ein visionäres Werk – bis heute!
Handlung
Der antike Stoff erzählt vom kretischen König Idomeneo (Idomeneus), der sich nach seiner Heimkehr vom Trojanischen Krieg gezwungen sieht, seinen eigenen Sohn zu opfern, um den Gott Nettuno (Neptun bzw. Poseidon) zu besänftigen. Er behandelt das Verhältnis von Menschen und Göttern.
Die folgende Inhaltsangabe und Szeneneinteilung basiert auf dem Libretto der Neuen Mozart-Ausgabe.
Erster Akt
An die Gemächer Ilias grenzende Galerie im Königspalast
Szene 1. Ilia, als kriegsgefangene trojanische Prinzessin nach Kreta verschleppt, sehnt sich nach ihrer verlorenen Heimat und fühlt gleichzeitig Liebe zu ihrem Kriegsfeind, dem kretischen Prinzen Idamante, der sie vor dem Ertrinken gerettet hat. Der jedoch ist bereits Elettra versprochen – der Tochter des Agamemnon, die auf Kreta Zuflucht gefunden hat (Nr. 1. Arie Ilia: „Padre, germani, addio!“).
Szene 2. Idamante verkündet glücklich, dass die heimkehrenden Schiffe seines Vaters Idomeneo gesichtet wurden. Er schenkt den Trojanern die Freiheit und gesteht Ilia seine Liebe (Nr. 2. Arie Idamante: „Non ho colpa“).
Szene 3. Vor dem versammelten Volk werden den gefangenen Trojanern die Fesseln gelöst (Nr. 3. Chor: „Godiam la pace, trionfi Amore“).
Szene 4. Die eifersüchtige Elettra kritisiert die Freilassung der Feinde als Beleidigung ganz Griechenlands.
Szene 5. Da erscheint Arbace mit der Nachricht, die Flotte des Königs sei in Seenot geraten und Idomeneo tot. Idamante eilt bestürzt zum Strand.
Szene 6. Zurück bleibt äußerst wütend Elettra, die den Prinzen liebt und es nicht ertragen kann, dass er sich Ilia zuwendet (Nr. 4. Arie Elettra: „Tutte nel cor vi sento“).
Ufer des noch bewegten Meeres mit Schiffstrümmern
Szene 7. Die Schiffbrüchigen flehen die Götter um Rettung an (Nr. 5. Chor: „Pietà! Numi, pietà!“).
Szene 8. Auf dem Meer erscheint der Gott Neptun, der den Winden befiehlt, sich zurückzuziehen. Allmählich beruhigt sich das Meer. Idomeneo fleht Neptun um Hilfe an. Neptun zieht sich mit finsteren Blicken in das Meer zurück. Die Heimkehrer sind gerettet (Pantomime und Rezitativ Idomeneo: „Eccoci salvi alfin“).
Szene 9. Idomeneo ist nicht nur glücklich über die Rettung. Um Neptun zu besänftigen, hat er geschworen, das erste Lebewesen zu opfern, das er am Strand trifft. Er wird von Schuldgefühlen geplagt und fragt sich, wer das unschuldige Opfer sein wird (Nr. 6. Arie Idomeneo: „Vedrommi intorno l’ombra dolente“).
Szene 10. Idomeneo trifft am Strand auf seinen Sohn Idamante. Der ist hochbeglückt, seinen vermeintlich toten Vater lebend wiederzusehen. Idomeneo dagegen ist entsetzt über das tragische Zusammentreffen. Er wendet sich ab und eilt davon. Idamante bleibt tief betroffen über die schroffe Zurückweisung zurück (Nr. 7. Arie Idamante: „Il padre adorato“).
Intermezzo
Die zusammen mit Idomeneo heimgekehrten kretischen Truppen betreten das Land (Nr. 8. Marsch) und werden von ihren glücklichen Frauen begrüßt (Nr. 8a. Tanz der kretischen Frauen). Die Soldaten preisen den Gott Neptun (Nr. 9. Chor: „Nettuno s’onori, quel nome risuoni“).
Zweiter Akt
Königliche Gemächer
Szene 1. Arbace rät Idomeneo, seinen Sohn, der nichts von dem Gelübde weiß, weit weg zu schicken, um ihn nicht opfern zu müssen (Nr. 10a. Arie Arbace: „Se il tuo duol“).
Szene 1 (alternativ). Ilia will auf Idamante verzichten, damit er sein Eheversprechen Elettra gegenüber halten kann. Idamante liebt jedoch nur Ilia (Nr. 10b. Rondo Idamante: „Non temer, amato bene“).
Szene 2. Ilia dankt Idomeneo für die gute Behandlung. Er ist für sie jetzt wie ein Vater (Nr. 11. Arie Ilia: „Se il padre perdei“).
Szene 3. Der König erkennt die gegenseitige Liebe Ilias und Idamantes. Er vermutet, dass sie der Auslöser für Neptuns Zorn sein könnte (Nr. 12a oder 12b. Arie Idomeneo: „Fuor del mar“).
Szene 4. Idomeneo hat seinen Sohn zum Begleiter Elettras bei deren Heimkehr nach Argos bestimmt. Elettra hofft, Idamante unterwegs wieder für sich gewinnen zu können (Nr. 13. Arie Elettra: „Idol mio, se ritroso“ – Nr. 14. Marsch und Rezitativ Elettra: „Odo da lunge armonioso suono“).
Der Hafen von Kydonia mit Schiffen am Ufer
Szene 5. Elettra und ihre Leute sind bereit zur Abreise. Da das Meer still ist, sind alle zuversichtlich (Nr. 15. Chor Elettra/Chor: „Placido è il mar, andiamo“).
Szene 6. Idamante und Elettra verabschieden sich von Idomeneo (Nr. 16. Terzett Elettra/Idamante/Idomeneo: „Pria di partir, oh Dio!“). Kurz vor Ablegen der Schiffe braust ein neuer Sturm auf, der die gesamte Flotte vernichtet. Ein schreckliches Ungeheuer entsteigt dem Meer (Nr. 17. Chor: „Qual nuovo terrore!“). Der Meeresgott fordert seinen Tribut, und vergebens bietet sich ihm Idomeneo als Opfer dar, um seinen Sohn zu schonen. Die Kreter fliehen entsetzt (Nr. 18. Chor: „Corriamo, fuggiamo“).
Dritter Akt
Königlicher Garten
Szene 1. Ilia sehnt sich nach ihrem Geliebten. Sie wünscht, dass die Lüfte und die Pflanzen ihm ihre Liebesgrüße überbringen (Nr. 19. Arie Ilia: „Zeffiretti lusinghieri“).
Szene 2. Idamante verabschiedet sich von Ilia, da er in den Kampf gegen das Monster ziehen will, und die beiden gestehen sich offen ihre Liebe (Nr. 20a. Duett Ilia/Idamante: „S’io non moro a questi accenti“ oder Nr. 20b. Duett KV 489 Ilia/Idamante: „Spiegarti non possi’io“).
Szene 3. In ihrer Umarmung werden sie vom König und von Elettra ertappt, die den Prinzen erneut auffordern, Kreta zu verlassen (Nr. 21. Quartett Ilia/Elettra/Idamante/Idomeneo: „Andrò ramingo e solo“). Idomeneo geht traurig fort.
Szene 4. Arbace berichtet, dass das Volk unter Führung von Neptuns Oberpriester den König zu sprechen verlange. Idomeneo, Elettra und Ilia machen sich auf den Weg zum Palast.
Szene 5. Arbace fürchtet den Untergang Kretas. Er hofft, dass wenigstens der Prinz gerettet werden kann (Nr. 22. Arie Arbace: „Se colà ne’ fati è scritto“).
Großer mit Statuen besetzter Platz vor dem Palast
Szene 6. Der Oberpriester schildert dem König die Schreckenstaten des Ungeheuers und bedrängt ihn, dem Volk nun endlich den Namen des Opfers zu verkünden und seinen Schwur einzulösen. Idomeneo gibt nach und nennt den Namen seines Sohnes (Nr. 23. Rezitativ Oberpriester/Idomeneo: „Volgi intorno lo sguardo, oh sire“). Alle reagieren mit Entsetzen (Nr. 24. Oberpriester/Chor: „Oh voto tremendo!“).
Außenseite des von einem großen Atrium umgebenen Neptuntempels, in der Ferne das Meeresufer
Szene 7. Im Neptuntempel wird die Opferzeremonie vorbereitet (Nr. 25. Marsch – Nr. 26. Cavatine Idomeneo: „Accogli, oh re del mar“ – Chor: „Stupenda vittoria!“).
Szene 8. Der herbeieilende Arbace berichtet von Idamantes Sieg im Kampf gegen das Ungeheuer. Idomeneo befürchtet, dass dies Neptuns Zorn erneut anfachen wird.
Szene 9. Jetzt wird Idamante, in weißem Gewand, mit einem Blumenkranz auf dem Kopf, hereingeführt. Er ist bereit zum Tod, wünscht aber, dass sein Vater selbst den tödlichen Schlag ausführt. Er bittet Idomeneo, sich anschließend wie ein Vater um Ilia zu kümmern.
Szene 10. Im letzten Moment läuft Ilia herbei, um die Klinge abzuwehren. Sie erklärt, dass Idomeneo den Willen der Götter falsch gedeutet habe. Der Himmel wolle Griechenland nicht von seinen Söhnen, sondern von seinen Feinden befreien. Zu diesen gehöre auch sie als gebürtige Phrygierin. Sie kniet vor dem Priester nieder, um das Urteil anstelle Idamantes anzunehmen. In diesem Augenblick ertönt die Stimme der Neptunstatue, die verkündet, Neptuns Zorn werde besänftigt, wenn Idomeneo die Krone an Idamante abgebe und Ilia Königin werde (Die Stimme: Nr. 28a. „Idomeneo cessi esser re“ oder Nr. 28b. „A Idomeneo perdona“).
Letzte Szene. Idomeneo folgt dem göttlichen Befehl unverzüglich (Nr. 30. Rezitativ Idomeneo: „Popoli, a voi l’ultima legge“). In einer Pantomime empfängt Idamante die Königskrone. Alle feiern die Liebe des neuen Königspaares (Nr. 31. Chor: „Scenda Amor, scenda Imeneo“ – Nr. 32. Ballett)